berlin 10439
[radio piece]
wisbyer_sch__nhauser1

2004.10.01
Radiopiece for Deutschlandradio, Berlin (D)

Futurist Luigi Russolo wrote in his 1913 manifesto The Art of Noise (“L‘Arte dei Rumori”):
“…let’s walk through a great modern capital with our ear more attentive than our eye,
and find pleasure in distinguishing between the gurglings of water, air and gas inside
metallic pipes, the grumbling of motors that breathe and pulse with indisputable
animality, the throbbing of valves, the rising and fallings of pistons, the screeching
of mechanical saws, the jumping of trams on their rails, the cracking of whips, the
flapping of awnings and flags. We shall amuse ourselves by ideally orchestrating together
the crashing down of metal shop blinds, slamming doors, the hubbub and patter of crowds,
the different racket of railway stations, railways, iron foundries, spinning wheels,
printing works, electric power stations and subways.”

Scarcely one hundred years later, the listening situation in large cities has changed
quite a bit. What Luigi Russolo described as exciting and vital, is now drowned out in an
ocean of hissing noise, buzzing drone and growling hum.
The sound event and its site become noise ambience in space.
Russolo’s urban orchestra turns into a sequencer, clocked by traffic light controls and
train schedules … its multitude of sounds turns into electricity’s two types of
hum (50Hz Europe/60 Hz USA) and the sound of the combustion engine.

Urban architecture functions as an effects box. It generates a space in which the aural
world surrounding us is reflected and resonates. All effects common today in musical
productions can be found in the different architectural situations – from extreme filter
to phaser, bass booster, reverb, delay, compressor, resonator, …

Architecture colors everything we hear.For us, there is no silence.
In the anechoic chamber, we still here the rushing of our own blood.
A sound experience is made up from movement, sound and its timbre from material and space.

excerpt berlin 10439

Auftragswerk des Deutschlandradio, Berlin (D)

“Berlin ist keine Stadt zum Träumen, zu laut, zu grob, zu viel Energie!”, sagen die beiden Musiker
Sam Auinger und Hannes Strobl. Einst aus Österreich gekommen, leben sie beide schon länger in
Berlin, seit drei Jahren im Bezirk Prenzlauer Berg. Ein halbes Jahr lang haben die Musiker genauer
in ihre Stadt hineingehört, Töne eingefangen, die üblicherweise unbeachtet an uns allen
vorbeifliegen, und eine ganz besondere Feldforschung von Stadtrhythmen und Stadtklängen
betrieben. Heraus kam ein ganz subjektiver Blick auf Berlin und außerdem die Erkenntnis, dass
man die Grenze zwischen Ost und West z.b. am Klang des Straßenbelags noch immer erkennen
kann.

Der Futurist Luigi Russolo schreibt in seinem Manifest „L‘Arte dei Rumori” von 1913:
„… Lassen Sie uns gemeinsam durch eine große, moderne Hauptstadt gehen, mit den Ohren
aufmerksamer als mit den Augen, und wir werden die Freuden unserer Empfindsamkeit
variieren, indem wir zwischen dem Gurgeln von Wasser, von Luft und Gas in Metallrohren,
dem Rumpeln und Rattern von Maschinen, die mit offensichtlicher Vitalität atmen, dem Heben
und Fallen von Kolben, dem grellen Laut von mechanischen Sägen, dem lauten Stoßen von
Trambahnen auf ihren Schienen, dem Knallen von Peitschen und dem Knattern von Fahnen
unterscheiden. Wir werden Spaß daran haben, uns die Orchestrierung von Kaufhausschiebe-
türen,von Eisengießereien, Webereien, Druckereien, Kraftwerken und Untergrundbahnen
vorzustellen…”

Knapp 100 Jahre später stellt sich die Hör-Situation in Großstädten wieder neu dar. Was Luigi
Russolo als aufregend und vital beschreibt, löst sich in einem Meer von Rauschen, Brummen
und Summen auf. Das Klang-Ereignis und sein Ort werden zur Noise-Ambience im Raum.
Russolos städtisches Orchester wird zum Sequenzer, getaktet von Ampelschaltungen und
Fahrplänen – seine Klangvielfalt zu den 2 Klangklassen von Strom (50Hz Europa/60 Hz USA)
und Verbrennungsmotorenklängen.

Die städtische Architektur ist eine Soundbox. Sie formt einen Raum, in dem die uns umgebende
Klangwelt resoniert und reflektiert wird. Alle Effekte, die wir von heutigen Musikproduktionen
kennen, finden wir wieder in den verschiedenen architektonischen Situationen – vom extremen
Filter zum Phaser, Bass Booster, Reverb,Delay, Compressor, Resonator, …

Architektur färbt alles was wir hören.
Es gibt keine Stille für uns. Im schalltoten Raum hören wir immer noch unser Blut rauschen.
Ein Klangereignis entsteht durch Bewegung, der Klang und seine Farbe aus Material und Raum.